Nachhaltig reisen

Ein Gastbeitrag von Ayleen Behrens von @lifeisbetterupnorth

Sich Salzwasserwind durch die Ohren pusten zu lassen oder morgens auf einem Berg aufzuwachen. Die meisten von uns sind von Fernweh geplagt und entfliehen so oft es geht dem lauten Großstadtgetummel. Die Unberührtheit und unendliche Gewalt der Natur haben etwas Befreiendes und Beruhigendes. Dort wird der Kopf frei und es ist mehr Platz für Kreativität. Wer in der Bretagne in einer uralten Bäckerei Far Breton gekauft hat oder in ein frisches traditionelles Sauerteigbrot gebissen hat, wird den Geschmack nicht so schnell zu Hause wiederfinden. In kleinen Dörfern und großen Städten findet auf so vielen Ebenen ein Austausch von Kultur statt, die die Gestaltung des eigenen Lebensentwurfes beeinflussen. Kein Wunder also, dass das Reisen ein Bestandteil unserer Gesellschaft geworden ist.

Die Folgen dessen sind jedoch fatal. Die Möglichkeit für ein Wochenende nach Porto, Dublin oder sogar New York fliegen zu können, erscheint zunächst wie die uneingeschränkte Errungenschaft der Freiheit unserer Gesellschaft. Nicht nur der Aspekt des CO2-Ausstoßes durch das Reisen – insbesondere dem Fliegen – sondern auch Overtourism an Hotspots sind Folgen dessen. Durch die dauerhafte Erreichbarkeit ist an diesen Orten das ganze Jahr über Hochsaison. Kleine Hafenstädte, die durch das Anlegen von Kreuzfahrtschiffen ihre Bevölkerungszahl für ein paar Stunden verdreifachen, während das auf Dauerbetrieb laufende Schiff im Hafen die Luft verschmutzt. Was bleibt? Es ist nicht das nette Gespräch mit den Besitzer*innen der lokalen Bäckerei, denn das Schiff wartet abends zum Ablegen bereits mit warmem Buffet-Essen. Stattdessen bleibt der Geruch von Schweröl im Hafen.

Mal eben ein Wochenendtrip?

Der Wochenendtrip als Individual-Reise im Airbnb-Apartment scheint als die perfekte Auszeit. Doch der ursprüngliche Gedanke, die eigene Wohnung an Touristen unterzuvermieten, während man selbst unterwegs ist und in einer fremden Wohnung wohnt, ist lange verloren gegangen. Das Aufkaufen von Wohnraum zur professionellen touristischen Vermietung ist nicht mehr nur ein Problem der Großstädte. Wir sprechen von kulturellem Austausch, doch wie kann es den geben, wenn letztlich nur 10 Prozent privilegiert genug sind, um zu fliegen? Trotzdem steigt der Flugverkehr immer weiter und dieses Privileg wird dadurch auch zur eigenen Verantwortung.

Was heißt das als Konsequenz für uns?

Innerhalb von Europa können wir uns überall mit der Bahn, dem Auto oder der Fahrgemeinschaft fortbewegen und auf das Fliegen verzichten. Auch wenn dies mit Blick auf Billig-Airlines zunächst kostspieliger erscheint. Überprüf bei Fernzielen deine Motivation, würdest du dasselbe vielleicht auch in einer näher gelegenen Region erreichen? Wenn es keine andere Möglichkeit für dich gibt, kannst du eine Kompensation für deinen Flug zahlen. Informier dich über Organisationen, die so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten und Menschen weltweit unterstützen.

Einfach mal jemanden mitnehmen…

Jede*r, der*die mit einem Camper unterwegs ist, hat sicherlich schon viel Kritik zur Dieselschleuder bekommen, die wohl nicht besser sei als der Flieger. Dabei muss jedoch das große Ganze gesehen werden. Es ist nicht nur der Weg an sich, schon allein wenn man zu zweit im Auto sitzt relativiert sich der Ausstoß von CO2 pro Kopf. Für diejenigen, die viel alleine unterwegs sind und noch Platz hätten, wäre eine Konsequenz öfter andere Menschen mitzunehmen. Schon eine Teilstrecke macht viel aus, egal ob Freund*innen, über Mitfahrgelegenheitsportale oder trampende Menschen. Auf den Flugverkehr zu verzichten, heißt so auch länger als nur ein paar Tage zu reisen. Viele Wochenendtrips werden zu einer längeren Reise. Per Camper oder Bahn wird die Fahrt an sich zur Reise. So werden Landschaften und kleine Orte entdeckt, an denen man sonst kaum vorbei gekommen wäre.

Und da kommen wir schon zu dem Punkt Mikroabenteuer, wie sieht es denn eigentlich um deinen Heimatort herum aus? Wie viel von Deutschland hast du schon entdeckt? Ein paar Tage aus dem Alltag entfliehen sollte auch unter nachhaltigen Aspekten in unser Leben integrierbar sein. Von Bergen, über Seen, weiße Ostseestrände, sumpfige Moorgebiete und malerische kleine Dörfer – die Inspiration liegt eigentlich direkt vor der Haustür. Während man die Autobahn links liegen lässt, auf Landstraßen fährt und einen Gang runter schaltet, entdeckt man die schönsten Plätze wahrscheinlich noch nicht mal eine Stunde von der eigenen Haustür entfernt. Die Devise zum perfekten Wochenende dabei ist keine große Planung, keine Inspiration durch Reisemagazine oder Instagramhotspots. Einfach in eine Himmelsrichtung los fahren, den Weg das Ziel sein lassen und anhalten wo es dir gefällt. 

Einfach machen ist dabei die größte Hürde?

Insbesondere kleine Abenteuer eignen sich ungemein, um sie per Rad zu bestreiten, dabei muss es nicht das Highend-Equipment und Verpflegungspaket sein. In einer lauen Sommernacht kann man getrost im Schlafsack unter dem Sternenhimmel schlafen und morgens im nächsten Dorf frische warme Brötchen holen, während man dabei durch herrlich duftende vom Morgentau feuchte Felder fährt. Wer ein bisschen mehr Komfort möchte, achtet auf dem Land am Straßenrand auf Schilder, in jedem Ort findet ihr mindestens ein “Zimmer frei“-Schild – versprochen. Mit dem Rad entdeckt man die eigene Umgebung auf eine intensive und intime Art und Weise: Sich aus eigener Kraft an der frischen Luft und ohne Lärm fortzubewegen, lässt einen abends gut einschlafen und belastet die Einheimischen nicht wie ein mit Campern vollgestellter Platz am Lieblingsflussufer.

Über das Wie des nachhaltigen Reisens…

Nicht nur die Fortbewegung an sich hat etwas mit nachhaltigem Reisen zu tun, sondern auch das Wie. Durch mehr Zeit reist es sich entspannter und das öffnet den Blick um dich herum. Kauf lieber im lokalen Hofladen als im Supermarkt und unterstütze die Besonderheiten der Region. Begegnest du den Einwohner*innen auf Augenhöhe und lässt sie dein Interesse an ihrer Umwelt spüren, bekommst du dies doppelt zurück. Durch nette Gespräche ergeben sich immer Möglichkeiten und in den meisten Fällen unfassbar schöne unentdeckte Tipps für die Region. Vielleicht bleibst du dann einfach noch eine Nacht länger und gehst am nächsten Tag auf den Wochenmarkt. Die beste Option, um direkt und unverpackt einzukaufen. Fokussier dich in Metropolen sowohl bei der Wahl der Unterkunft, als auch bei Bars, Restaurants oder dem Imbiss um die Ecke auf einheimisch geführte Kleinunternehmen. Dabei unterstützt du nicht nur, sondern du wirst auf aufgeschlossene Menschen treffen.

Viel in der Natur zu sein und zu reisen schafft auch ein Bewusstsein für eben diese. Jede*r von uns stand bestimmt schon an einem wunderschönen Ort, der durch Hausmüll oder takeaway-Verpackungen verdreckt gewesen ist. An ausgetrockneten Seen, über die Ufer getretene Flüsse oder Klippen, die jedes Jahr weiter ins Meer abfallen. Reisen können uns helfen die Natur wieder mehr wertzuschätzen und einen Ansporn bieten, sich dafür einzusetzen, diese zu bewahren. Wir leben in sozialen Strukturen, in denen ein stetiger Abgleich stattfindet. Je mehr wir alle über Nachhaltigkeit beim Reisen sprechen, desto mehr sind auch die Mitmenschen des eigenen Umfeldes dazu bereit, ihr Verhalten zu ändern. Das Wichtigste dabei ist jedoch, dass jeder noch so kleine Schritt Richtung Nachhaltigkeit wichtig und schon enorm hilfreich ist.